„...machen alle tot. Auch Kleine.“ Gemeinsamer Projekttag der Intensiv- und Regelklassen an der Mittelpunktschule Trebur

Was würdest du auf einer Flucht mitnehmen? Stell’ dir vor, es ist Bürgerkrieg in deinem Land. Du musst das Land sofort verlassen und weißt, dass die Polizei schon in einer halben Stunde da sein kann, um dich zu verhaften. Du hast gerade noch zeit, deinen Koffer zu packen.

Auf diese verkürzt dargestellte Art und Weise stimmten sich die Schüler und Schülerinnen der Mittelpunktschule zwei Tage vor den Sommerferien auf einen Projekttag ein, der die Begegnung von Jugendlichen der Regel- und Intensivklassen zum Inhalt hatte. Dass der einleitende Arbeitsauftrag keineswegs konstruiert war, sondern auf realen Erfahrungen von Geflüchteten beruhte, konnten die Schülerinnen und Schüler später erfahren, als Hossein, Zeynep, Rodi und andere erzählten, aus welchen Gründen und auf welchen Wegen sie sich mit oder sogar ohne ihre Familien auf den Weg nach Deutschland gemacht hatten.

Die Jugendlichen aus den IK-(Intensiv-)Klassen hatten sich in einem kunsttherapeutischen Pilotprojekt auf diesen Tag vorbereitet. Unterstützt von der Darmstädter Kunsttherapeutin Ina Stoppels, der Schulpsychologie und den Lehrerinnen Viviane Bethencourt und Thea Muziol-Baumeister hatten die Jungen und Mädchen vorab Modelle von Häusern gebaut, die in ihrem alten Leben eine besondere Rolle gespielt hatten. Naheliegender Weise hatten die Kinder sich oft für ihre Elternhäuser entschieden. Indem sie diese und andere künstlerische Arbeiten präsentierten, gelang es den jungen Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak ihren überwiegend in Deutschland aufgewachsenen Altersgenossen einen Einblick in ihr bisheriges Leben zu vermitteln. Gleichzeitig waren weitere IK-Schüler in den Regelklassen unterwegs, um sich anhand von Plakaten und Texten selbst vorzustellen. Welche Herausforderung dies für die jugendlichen Sprachanfänger darstellte, konnten sich die MPS-Schüler und Schülerinnen aufgrund eigener Erfahrungen aus dem Fremdsprachenunterricht lebhaft vorstellen und zollten die entsprechende Anerkennung.

Etwas schüchtern erzählte die vierzehnjährige Zeynep, warum sie ihr Heimatland Syrien zusammen mit ihren Eltern und ihren drei Brüdern verlassen hatte. Wenn sie aus dem Haus gingen, wussten sie nie, ob sie lebend zurückkommen würden. Sie hatten „sehr viel Angst vor den Terroristen“, denn „...die machen alle tot. Auch Kleine.“ Den Weg in die Türkei legte die Familie zu Fuß und in einem kleinen Boot zurück, dann ging es weiter nach Deutschland. Die Schilderungen aus ihrem jetzigen Leben klingen dagegen nach Normalität: Freundinnen, Hobbys wie Basketball oder Schwimmen, Berufswunsch (vielleicht) Kosmetikerin.

So sorgten die auch Deutschland geflüchteten Kinder und Jugendlichen für aufschlussreiche, eindrucksvolle und berührende Momente, wie viele Schülerinnen und Schüler der Regelklassen bekannten. Doch war die Veranstaltung von Anfang an auch darauf angelegt, beide Gruppen miteinander ins Gespräch zu bringen. Auch nach annähernd zwei Jahren klagten viele der geflüchteten Jugendlichen, sich nicht aufgenommen zu fühlen, wogegen die Schülerinnen und Schüler der Regelklassen sich in den Pausen oft rücksichtslos behandelt fühlten. Daher bot sich nach den Präsentationen die Gelegenheit, sich mit gegenseitigen Fragen den Lebenswelten der jeweils „Anderen“ anzunähern. Wo die Eltern sind, wie sie Deutschland finden, ob sie Schlimmes gesehen hätten, wollten die Treburer Schüler wissen. Zeynep und ihr Mitschüler Delshad interessierten sich für Freizeitaktivitäten, Hausaufgaben und Weihnachten, aber auch dafür, wie sich ihre Zuhörer und Zuhörerinnen fühlten, wenn viele Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland kommen.

Alle Klassen fanden sich zuletzt in der Sporthalle zu einer Abschlussrunde zusammen, um Eindrücke auszutauschen. Aus jeder Klasse fanden kleine Wunschzettel ihren Weg zu einem „Wunschbaum“ – drei Wünsche je Klasse, die sich an die jeweils „Anderen“ richteten. Und schon am Ende des Projekttages konnte man neue Kontakte beobachten. Eine rundum gelungene Veranstaltung und ein viel versprechender Schritt in die richtige Richtung, wie auch viele Lehrkräfte zurückmeldeten, denn sowohl die regulären als auch die geflüchteten Schülerinnen und Schüler konnten erfahren, dass sie für ihr Zusammenleben auch selbst ein Stück Verantwortung tragen.

Hier kommen Sie zum Artikel im Echo-online.

Mittelpunktschule Trebur

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